​Lichtspielhaus

​Ich vermisse sie
Und die Momente mit ihr,
die in mir als Erinnerungen wie auf einer Leinwand als Schwarz-Weiß Film ablaufen.
Einem dieser romantischen aus den fünfziger Jahren,
die man im Lichtspielhaus bestaunt hätte,
als jeder Film noch etwas Besonderes war
und niemandem die Farbe fehlte.
In einer Zeit vor Remakes und Streaming
Als nicht alles jeder Zeit verfügbar war.

Nun glauben wir, auch die Liebe sei jeder Zeit verfügbar
oder das, was wir Liebe nennen,
die Liebe, die ihren Wert verlor,
und die Menschen, die wir glauben zu lieben.
In einer Zeit, in der alles austauschbar erscheint
und nichts besonders mehr,
unter sieben Milliarden Seelen.

Ich vermisse sie und das Gefühl der Bedeutungsvöllerei,
das ich verspüre, wenn sie bei mir ist,
wenn wir lachen oder lieben,
wenn wir weinen oder uns stumm in den Armen liegen,
wenn wir jedes Geheimnis teilen,
als ob es ein Stück Kuchen wäre,
und einschlafen,
als ob es für immer wäre.

Wenn wir beieinander wir selbst sein dürfen,
Nackt voreinander stehen, unsere Makel sehen
Und sie für perfekt befinden,
Wenn wir uns nicht verändern wollen
und doch durch einander wandeln,
Scheint alles in diesen Momenten Sinn zu ergeben,
das ganze Leben konserviert und präpariert
in der Verletzlichkeit einer Seifenblase.

Es sprenge unsere Vorstellungskraft,
wenn man nicht nur von Liebe zu Liebe spränge,
und von Liebe spräche,
sondern in Liebe zueinander stünde,
in Streit oder fader Unlust nicht auseinander ginge
auf der Suche nach dem Nächstbesten,
bevor die Zeit gekommen ist.

Doch häufig wissen wir es nicht besser
und wenn wir es besser wissen,
taufen wir die Liebe mit falschem Namen
und verstecken sie unter dem Mantel der Besessenheit,
dem Schleier der Bedürftigkeit,
der Haube der Ichbezogenheit,
der Maske der Einsamkeit
und der Angst vor der Liebe selbst
und was sie vermag zu offenbaren.

Ich vermisse sie und kenne keinen anderen Ort
An dem ich mehr Ich bin als bei ihr.
Doch nun bin ich hier, allein unter Menschen,
Im Gefühl der Irrealität bereit abzuheben,
muss mich binden an Lichtmasten,
die die Straßen bei Nacht einsäumen wie Glühwürmchen,
doch diesen Ort nie verlassen.
Und mein vermissendes Herz wagt es zu sprechen
über den Moment und die Bedeutung des Augenblicks,
dabei bin ich erkoren von ihr in Gedanken verloren
und weit weit weg von hier.
Doch sie ist es, die mich klar sehen lässt
und das Licht gibt und die Farbe und mir den Mut,
was ich mir erträume, zu tun.
Ohne sie würde ich jetzt nicht
an diesem Ort stehen
ohne sie, weit weg von ihr
und sie vermissen und meinen Weg gehen.

​Die Welt könnte mich ablenken vom Gefühl des Vermissens,
doch ich möchte nicht taub sein,
ich möchte es spüren und nicht einmal das Vermissen missen.
Denn es gibt mir Hoffnung und hält mich am Leben,
zeigt mir, dass ein Herz in mir schlägt,
das bereit ist zu geben und nicht nur zu nehmen.
Das mir zeigt, dass ich fähig bin zu lieben.

Wir glauben einen anderen Menschen zu lieben,
wenn wir „Ich liebe dich“ sagen.
Wir glauben, die Liebe gefunden zu haben,
doch wir sind blind und taub für das,
was sie wirklich ist,
trotz ihrer Farben und Gerüche,
der Töne, die sie spielt.
Ich entdeckte sie in der Umarmung beim Geschirr abwaschen,
im Chiapudding mit Früchten am Morgen nach einer zu kurzen Nacht,
im Lachen über misslungene Witze,
in Diskussionen, ob ich selbstgerecht und sie scheinheilig sei,
in der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben, trotz Reisegeist,
jeden Tag mit der Entscheidung, den Tag miteinander zu verbringen.
Als Größtes im Kleinsten.
Liebe ist ohne Urteile und Erwartungen,
ohne Kontrolle und Zwang,
Liebe ist Alles und Liebe ist Nichts.
Sie ist zerbrechlich und doch unzerstörbar.

Sie ist Aufmerksamkeit, wenn wir am achtlosesten sind,
und Einsicht, wenn es uns am schwierigsten fällt.
Sie ist Hingabe, als größte Kraft,
und Verletzlichkeit, wenn wir glauben, am stärksten sein zu müssen,
Liebe ist Zeit in einer Zeit,
in der alles schneller und schneller vor sich ​gehen muss.
und wir ständig im Gefühl leben, etwas zu verpassen.
Dabei verpassen wir die Liebe,
weil wir uns an nichts binden wollen,
aus Angst es zu verlieren
oder aus Angst, dass etwas Besseres auf uns wartet.
Wir verpassen die Liebe,
aus Angst, alleine sein zu müssen und uns ans Erstbeste binden zu müssen,
und aus Angst nicht gut genug zu sein.

Ich vermisse sie und ihre dunklen Haare auf dem Boden,
die mich daran erinnern, dass sie da ist,
ihr Kauen, das die absolute Stille durchbricht,
ihren Atem auf meiner behaarten Brust,
ihre kalten Füße an meinen Beinen,
ihre unnachahmliche Fähigkeit einzuschlafen und mich wach liegen zu lassen.
Ich vermisse sie und jeden Teil von ihr,
für mich ist sie etwas Besonderes,
besonderer als das Wort besonders,
doch ich glaube zu wissen, dass eines Tages der Film enden wird,
und es nicht für immer war,
das der Moment kommen wird,
an dem wir einander gehen lassen sollten,
doch bis dahin blühe ich jeden Augenblick
und hoffe mich zu irren,
im Lichtspielhaus der Liebe.